Zoo in der Stadt – statt im Zoo?

Sofia war acht Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in ein großes Miethaus in den fünften Stock zog. Als sie aus dem Küchenfenster blickte, sah sie nur Häuser mit geraden und schiefen Dächern. Neue und alte, große und kleine, eng aneinander gelehnt. Schornsteine, die neu und steil in den Himmel ragten oder altersschwach gekrümmt an Dachschindeln lehnten. Diese Stadt kannte sie nicht. Kein Baum, kein Strauch weit und breit. Sie fühlte sich einsam und fremd. Was sollte sie nur tun? Sie hatte zwei Wochen Osterferien und kannte hier keinen Menschen. Mama und Papa schleppten mit den Möbelpackern den gesamten Hausstand durch das Treppenhaus, weil zu allem Unglück auch der Fahrstuhl außer Betrieb war. Der Hausmeister, Herr Ludwig, ein freundlicher Rentner entschuldigte sich dafür, dies änderte jedoch nichts an der Tatsache. Seine Frau Gerti sah Sofias trauriges Gesicht und versuchte, sie mit ein paar Keksen aufzumuntern. Sie war eine alte Frau, die in ihrem Herzen jung geblieben war. Sofia freute sich über die nette Bekanntschaft und half Gerti anschließend, ein großes Paket auf den Speicher zu tragen.

Ich zeig dir etwas, komm mal mit!“ Gerti kletterte durch eine Dachluke auf einen großzügigen Vorsprung, der beinahe die Größe eines Balkons einnahm. Sofias Gesicht erhellte sich, als sie die Blütenpracht in kleinen bunten Töpfen und Kästen erspähte. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen stand mitten darin und lud zum Verweilen ein. Eine Katze balancierte über den Dachfirst und sprang vor Sofias Füße.

Hilli, darf ich dir vorstellen, dies ist Sofia, unsere neue Nachbarin.“ Hilli drückte sich an Sofias Bein und schnurrte behaglich.
„Oh, ist die aber lieb!“ Sofias Herz schmolz dahin. Sie setzte sich mit Hilli auf dem Schoß in die kleine Oase und genoss den Sonnenuntergang gemeinsam mit Gerti.

Du hast großes Glück, dass du hier wohnst“, sagte Gerti, „schau mal dort drüben, dort ist unser Zoo, mitten in der Stadt. Dort wohnen meine Tierfreunde.“

Im Zoo war ich nur einmal. Ich glaube, als ich noch im Kindergarten war, haben wir einen Zoo besucht“, erwiderte Sofia. Wie eine Insel im Betonmeer, dachte sie. Ein lautes Trompeten war auf einmal zu hören.

Die Elefanten werden gerade gefüttert. Pass auf, gleich fängt das Spektakel im Affenhaus an und zum Schluss kann man die Löwen brüllen hören. Ist das nicht toll? Wo gibt es so etwas! Magst du morgen mit mir in den Zoo gehen? Deine Eltern sind bestimmt noch mit Auspacken beschäftigt. Na, was meinst du?“ Gerti steckte Sofia mit ihrer Begeisterung an. Sie freute sich sehr über diese Einladung. Sofia nickte und streichelte Hilli bis die Sonne fast unterging und kletterte zurück auf den Speicher.

Dann ist es abgemacht, morgen früh um acht Uhr hole ich dich ab.“
„So früh? Ist der Zoo denn dann schon geöffnet?“, Sofia wunderte sich. „Eigentlich nicht, da hast du recht. Aber bei besonderen Gästen, wie du einer bist, macht man eine Ausnahme. Gerade morgens um diese Zeit ist es sehr schön dort.“ Sofia verabschiedete sich von Gerti und ging zurück in den fünften Stock, wo ihre Eltern schon auf sie warteten.

Kurz vor acht kam Gerti, Sofia wartete schon vor der Wohnungstür. Gerti hatte ein auffällig buntes Kleid an. Es schimmerte in allen Regenbogenfarben, als die Morgensonne darauf fiel. Das große Tor des Zoos war noch geschlossen und weit und breit niemand zu sehen. Zielstrebig marschierte Gerti mit Sofia an der Hand auf einen Seiteneingang zu, dessen Tür geöffnet war. Sie schlüpften hindurch und folgten einem schmalen Gang. Dahinter verbargen sich die Futter- und Pflegerräume aller Tiere. Hier herrschte reges Treiben. Gerti wurde von den Tierpflegern und dem Aufsichtspersonal herzlich begrüßt. Sofia war erst etwas schüchtern. Paul, der für die Elefanten verantwortlich war, nahm sie freundlich lächelnd an die Hand und führte sie zu den Stallungen dieser großen gewaltigen Tiere. Wandu, der Herdenanführer, begrüßte ihn und Sofia mit seinem Trompetenfrühstückskonzert.

Guten Morgen, mein Guter“, begrüßte Paul ihn und kraulte ihn an seiner Lieblingsstelle unterhalb des Rüssels. Sofia schaute an Wandu herauf. Wie groß er war! Der Boden schien auf einmal zu beben, als plötzlich Tiwoli, ein kleiner Elefantenjunge um die Ecke direkt auf Sofia zu rannte. Er machte eine Vollbremsung, aber zu spät, mit einem Rüsselstüber landete Sofia etwas unsanft im Heu.

Tiwoli, was ist denn das für ein Benehmen!“ Paul schob Tiwoli zurück, damit Sofia wieder aufstehen konnte. Elly, Tiwolis Mutter, wetzte gerade um die Ecke und trompete ihrem ungestümen Sohn hinterher. Tiwoli machte ein verdutztes Gesicht und schaute Sofia mit neugierigen Augen an.

So ist das jeden Morgen. Sie freuen sich so sehr auf ihr Frühstück, da ist richtig was los.“ Paul lachte und kraulte den kleinen Tiwoli. Er trompetete noch wie eine Kinderhupe, so dass Sofia auch herzhaft lachte. Wunderbar war es zwischen diesen herrlichen Tieren. Neugierig beschnupperten sie den Gast an Pauls Seite. Sofia streichelte Tiwoli, der sich mit einem sanfteren Rüsselstüber bedankte. Sie schauten den Elefanten noch eine Weile beim Fressen zu, bis Paul zum Aufbruch drängte. Im Affenhaus wurde er schon ungeduldig erwartet. Die Schimpansen waren ganz aus dem Häuschen, als sie Paul mit dem großen Sack Bananen entdeckten.

Wir haben Nachwuchs bekommen“, berichtete er stolz. Latitea hatte eine schwere Geburt. Ich habe eine ganze Nacht bei ihr verbracht, bis Latino endlich da war“, er bekam ganz wässrige Augen, als er Sofia davon erzählte. Latino war ein Wirbelwind ohnegleichen. Er sprang Sofia auf die Schulter und wuselte ihre Locken durcheinander, so dass sie in alle Himmelsrichtungen abstanden.

Oh, dies ist Latinos Lieblingsbeschäftigung. Haare durchwuseln oder ausreißen.“ Sofia war es ganz leicht um ihr Herz geworden. Es war so schön mit Paul und den Tieren. Wo Gerti nur steckte? Als hätte Paul ihre Gedanken erraten, meinte er: „Gerti ist bestimmt bei ihrem Lieblingstier, Herrn Parotti! Komm schnell, Sofia, hier beginnt jetzt eine Bananenschlacht!“ Kaum hatte Paul ausgesprochen, flog die erste Banane knapp an Sofias Kopf vorbei. Latino fing sie gekonnt auf und biss herzhaft hinein. Er schlug einen Salto und grinste Sofia an, die zum Abschied winkte. Gerti wartete tatsächlich bei Herrn Parotti. Herr Parotti saß auf seiner Stange und präsentierte sein buntes Gefieder von allen Seiten. Seine Kopfform und die abstehenden Federn erinnerten an einen Zylinder, so dass er sehr elegant wirkte. Gerti stand im Käfig neben ihm. Gertis Kleid schien ihm sichtlich zu gefallen, denn er lehnte sich an Gertis Schulter und sprach: „Guten Tag meine Dame. Darf ich sie einladen?“ Gerti strich zärtlich über sein Gefieder und antwortete: „Aber sicher, mein Herr. Eine Tasse Tee trinke ich gerne.“

Mit Milch und Zucker?“, fragte Herr Parotti daraufhin.
Paul kicherte: „Da hast du unserem Herrn Parotti Flausen in den Kopf gesetzt.“ Gerti lehnte sich stumm gegen Herrn Parottis Stange. Sofia erkannte, dass Gertis Kleid exakt die gleichen Farben wie Herrn Parottis Gefieder zeigte. Sie standen nebeneinander wie ein Paar, das sich auch ohne Worte versteht. Gerti löste sich von ihm, verabschiedete sich und trat neben Sofia. „Einen schönen Tag, meine Dame!“, Herr Parotti senkte erst den Blick und schaute ihnen dann nach.

Jetzt zeige ich dir noch etwas ganz Wunderbares, Sofia!“ Gerti bekam ganz rote Wangen. Sofia war glücklich. Noch schöner konnte es kaum werden, dachte sie. Beide näherten sich einer Halle am Ende des Zoos. Davor warteten schon einige ungeduldige Besucher; Eltern oder Großeltern mit ihren Kindern. Gerti führte Sofia auch hier durch einen Seiteneingang in das Innere der Halle. Ein großes Schwimmbecken befand sich in der Mitte, sowie rechts und links die Zuschauerränge, die steil nach oben bis zur Decke ragten. Ein Mädchen im roten Badeanzug ritt auf einem Delfin im Becken. Er schleuderte sie immer wieder in die Luft und lachte sein Delfinlachen. Das Mädchen feuerte ihn an und hatte ebenfalls viel Spaß dabei. Eine große blonde Frau beobachtete vom Beckenrand das Spektakel.

Als sie Gerti entdeckte, kam sie auf Sofia und Gerti zu.

Hallo Gerti!“, sagte sie lächelnd, „hast du Publikum mitgebracht?“ Sie schien etwas traurig zu sein, denn ihr Lächeln verschwand schnell von ihrem Gesicht. „Das ist Sofia, meine neue Nachbarin. Sie ist erst gestern mit ihren Eltern in den fünften Stock eingezogen.“

Herzlich willkommen in Zimmerlingshausen, Sofia. Das ist meine Tochter Jenny.“ Sie zeigte auf das Mädchen, das gerade wieder ins Wasser flog.

Und dies ist unsere Luna, die Hauptattraktion unserer Delfinshow.“

Sofia beobachtete sehr beeindruckt die kleine Vorstellung, die Luna und Jenny vorführten.

Stehen viele Besucher draußen?“, fragte Jennys Mutter zögerlich. Gerti schüttelte den Kopf. Dies war das große Prob­em des gesamten Zoos. Kaum jemand interessierte sich noch für den Zoo mit seinen Tieren. Der Verkehr tobte um den Zoo herum, aber kaum jemand bremste, um den Tieren einen Besuch abzustatten. Mamas und Papas waren nur damit beschäftigt, von einem Termin zum nächsten zu rasen oder sie telefonierten stundenlang über irgendein belangloses Zeug. Die Uhr schien sich immer schneller zu drehen.

Sofia wohnte bisher in einem Dorf und kannte diese Art der Hektik nicht. Sie ging einmal in der Woche zum Turnen. In der Dorfbücherei traf sie ihre Freundinnen, dort quatschten sie, teilten sich eine Limo oder lasen jeder für sich in der Kuschelecke. Der nächste Zoo war viel zu weit weg, als dass sie einen Tagesausflug dorthin hätten unternehmen können.

Jenny hüpfte aus dem Wasser und schüttelte ihre Haare wie ein Hund. Sie warf ihren Kopf in den Nacken und lachte. Es klang fast wie Lunas Stimme. Die Eingangstür öffnete sich und die ersten Besucher stürmten herein, um die besten Plätze zu ergattern. Grölend rannten Kinder mit ihren hinterher hechelnden Begleitern zur ersten oder zweiten Reihe. Jenny riss Sofia mit sich fort. „Setz dich hier vorne auf den ersten Rang! Von dort kannst du alles am besten beobachten.“

Jenny und Luna führten ein paar tolle Kunststücke vor, doch das Publikum füllte kaum die ersten drei Reihen. Viele von ihnen waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie die Schönheit und Anmut Lunas beachteten. Entweder meckerte der eine über die leere Cola oder ein anderer über kalte Fritten. Eine Oma, die unglücklicherweise mit einem ausladenden Hut in der ersten Reihe saß, reagierte nicht auf die Beschwerden der zweiten Reihe. Dies führte dazu, dass ein Junge einen Teil seiner Cola in ihren Hut goss. Spontan spannte sie ihren Sonnenschirm auf, so dass nun die komplette Sicht versperrt wurde. Sofia konnte es nicht glauben. Niemand schien die künstlerische Darbietung von Luna und Jenny zu bemerken. Leere Pappbecher und sonstiger Verpackungsmüll landeten auf dem Boden. Plötzlich flog Luna in die Lüfte, so hoch und weit wie Sofia noch niemals einen Delfin fliegen sah. Luna tauchte knapp neben dem Rand des Beckens mit einem großen Platscher wieder ins Wasser ein. Eine hohe Welle ergoss sich über die erste und zweite Zuschauerreihe.

Ein Aufschrei ging durch die Menge. Frittenpappteller, Limotrinktüten sowie Eistüten schwammen auf dem Boden, Richtung Abfluss. Sofia erholte sich schnell von ihrem ersten Schrecken. Zum Glück saß sie auf der anderen Seite. Dieses Schauspiel sah so lustig aus, sie und Gerti bogen sich vor Lachen.

Das haben sie nun davon!“, es klang Bitterkeit in Gertis Stimme. Nach der Show begleitete Jenny die beiden durch den Zoo.

Hier ist mein Zuhause. Ich bin schon solange ich denken kann mit meiner Mutter hier. Schade, dass uns sowenig Leute besuchen.“ Jenny erzählte Sofia von den Tieren, wie sie aufwachsen und wie viel sie ihr gaben. Sofia hörte zu und war dabei sehr nachdenklich. Während ihrer Unterhaltung erreichten sie das Affenhaus. Latino kletterte aufgeregt den Affenbaum herauf und wieder herunter. Ein Vater stand mit seiner etwa einjährigen Tochter auf dem Arm unmittelbar vor den Gittern. Er machte irgendwelche Faxen, um seine Kleine bei Laune zu halten. Latino war ganz fasziniert davon. Beherzt griff er auf einmal durch die Stäbe und fasste dem Papa in den Haarschopf und hielt erstaunt ein Haarteil in der Pfote. Sofia und Jenny hielten den Atem an. Erschrocken fasste sich jener Papa auf den Kopf und fühlte nur blanke Platte. Er machte ein entsetztes Gesicht, das sich dunkelrot färbte. Das kleine Mädchen schaute ihren Papa ebenso entsetzt an. Es schaute abwechselnd vom linken Haarbüschel zum rechten hinüber, doch in der Mitte fehlte etwas. Papas schöne braune Locken! Ihren Vater hatte sie anscheinend noch nie so gesehen. Wie eine Sirene fing sie an zu brüllen. Latino turnte mit seinem Fang durch den Käfig und warf ihn seinem besten Freund Luzifer zu. Der freute sich sehr über diese willkommene Abwechslung. Pfleger Paul kam zum Glück gerade vorbei, konnte aber Latinos Diebstahl nicht verhindern. Paul stürzte sich in das Affenhaus und eine wilde Verfolgungsjagd begann. Paul rannte hinter Luzifer, Latino hinter Paul und Mutter Latitea hinter Latino her. Zu guter Letzt sprang in seiner Verzweiflung jener Papa ebenfalls ins Affenhaus, nachdem er den Schreihals in den Kinderwagen zurückgelegt hatte. Nachdem das Haarteil durch unzählige Affenhände gefangen und geworfen wurde, bestand der Haarersatz am Ende aus mehren Teilen.

Paul entschuldigte sich für Latino, der leidenschaftlich den Rest des Haarteils auseinandernahm und versprach, dass der Zoo selbstverständlich für den Schaden aufkäme. Papa und Tochter entfernten sich daraufhin mitunter brüllend und fluchend. Sofia fand zuerst ihre Worte wieder.

So viel habe ich selten an einem Tag erlebt wie heute.“ Sofia und Jenny liefen die Tränen über das Gesicht vor Lachen.

Latino, Latino, du bringst uns noch in Teufels Küche!“, schimpfte Paul und versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen. Nach dem Zoobesuch lud Gerti Sofia und Jenny auf die Dachterrasse zu Kakao und Kuchen ein, denn die Sonne schien wunderbar warm und die Zoogeschichten mussten verarbeitet werden.

Schade, dass so wenig Besucher in den Zoo kommen. Ich hatte das Gefühl, alle Tiere freuen sich über unseren Besuch, oder Gerti?“, meinte Sofia ein wenig traurig. „Wir müssen etwas tun, um sie in den Zoo zu locken. Aber was?“ Jenny stand am Geländer und sah sehnsüchtig in das Elefantengehege hinunter.

Ich wohne genau auf der anderen Seite des Zoo. Dort hinten, das große, rote Haus direkt unter dem Dach. Siehst du?“ Jenny zeigte mit dem Finger auf die andere Seite.

In welches Gehege kannst du sehen?“, wollte Sofia wissen.

Kamele und Lamas.“

Abends verabschiedete sich Jenny und ging nach Hause. Eine Lösung zur Rettung des Zoos war ihnen nicht eingefallen.

Kommt Zeit, kommt Rat!“, meinte Gerti, als sie sich die Köpfe heißredeten. Sofia konnte nicht einschlafen und kletterte unbemerkt aus ihrem Fenster, einige Vorsprünge entlang auf die Dachterrasse. Hilli, Gertis Katze, saß auf einem Kissen und begrüßte sie laut schnurrend.

Da bist du ja endlich! Ich dachte schon, du willst die ganze Nacht verschlafen!“, sagte sie ein wenig vorwurfsvoll.

Du kannst sprechen?“, Sofia setzte sich neben Hilli und wunderte sich.

Wir müssen den Zoo retten, Hilli!“

Ein leichter warmer Wind kam auf und Blätter rauschten über ihr. Wo kam dieses Geräusch nur her? Über ihr bewegte ein Baum sein Laub sanft hin und her. Warum war er ihr nicht schon tagsüber aufgefallen? Kleine weiße Blüten schwebten auf Sofia herab. Ein dünner Ast senkte sich zu ihr herunter. Dieser Ast war eine Liane, die plötzlich vor Sofias Füßen baumelte. Instinktiv ergriff Sofia, deren Ende. Sie konnte in der Finsternis nicht erkennen, wo sie im Baum begann. Sofia hatte keine Zeit mehr, um darüber nachzudenken, eine Windbö packte und wehte sie über das Dach hinweg. Die Liane schwang hinab, genau auf das Elefantengehege zu. Sofia riss die Augen auf, schemenhaft konnte sie die Konturen von einigen Elefanten erkennen. Sie landete zum Glück in einem Heuhaufen neben ihnen. Ungeduldig warteten bereits der Elefantenjunge Tiwoli mit Elly und ihrer Herde, Latino mitsamt Affenbande und natürlich Herr Parotti auf sie. Sie schnatterten wild durcheinander. Was sich tagsüber wie das Trompeten der Elefanten, Affengeschrei und Vogelgezwitscher anhörte, verwandelte sich des Nachts in eine Sprache, die Sofia verstand. Sie wurde freudig begrüßt und in ihrer Mitte aufgenommen. Tiwoli stubste sie und Latino wuschelte und rupfte in ihrem Haarschopf. Tiwoli rief: „Wo bleibt denn Jenny? Ich habe sie seit heute Nachmittag nicht mehr gesehen.“

In diesem Moment kam Jenny auf dem Kamel Linus um die Ecke galoppiert. Der Rest der Kamelfamilie tobte hinterher.

Wir sind bereit!“ - „Ihr helft uns, oder?“ - „Was können wir nur tun, damit die Kinder wieder zu uns kommen?“ Solche und ähnliche Wortfetzen hallten über den Platz.

Hallo Jenny, konntest du auch nicht schlafen?“

Nein, und dann hing auf einmal so ein Ding vor meinem Fenster. Du wirst es nicht glauben. Aber ein Baum steht auf unserem Dach.“

Auf Gertis Dachterrasse steht auch ein Baum und eine Liane fiel vor meine Füße und jetzt bin ich hier.“

Es freute alle Zootiere, Jenny und Sofia so bald wiederzusehen. Gemeinsam heckten sie einen Plan aus, denn Sofia hatte auf einmal eine fantastische Idee. In den frühen Morgenstunden sollte der Plan durchgeführt werden. Um 6 Uhr 30 öffnete Jenny das große Besuchertor. Sie schwang sich auf Ellys Rücken.

Seid ihr bereit?“, rief Jenny aus Leibeskräften. Ihre Stimme hallte durch den Zoo, damit auch jeder sie hören konnte. Sofia ritt auf Linus, dem Kamel. Sie bildete das Ende der Tierschlange.

Sie schrie zurück so laut sie konnte: „Ja, wir sind bereit!“ Nun setzte sich der Tross in Bewegung Richtung Innenstadt. Die Elefanten trompeteten, was das Zeug hielt, die Affen kreischten, die Löwen brüllten und Herr Parotti rief dazu: „Guten Tag, meine Dame. Darf ich Sie einladen? Mit Milch und Zucker?“ Es war ein Spektakel ohnegleichen. Die Bürgersteige waren zu schmal, um dort entlangzulaufen, also wichen sie auf die Straße aus. Einige Autofahrer schauten erst erstaunt, doch dann winkten und lachten sie ihnen zu, als sie vorbeifuhren. Einige machten sogar Fotos mit ihren Handys. Kinder kurbelten die Scheiben herunter und sprachen mit ihnen. Andere wiederum schimpften: „Macht, dass ihr von der Straße herunterkommt! Ihr haltet den Verkehr auf!“ Die Tierkette steuerte die Hauptverkehrsstraße an. Als sie den großen Kreisverkehr erreichten und einmarschierten, brach das Chaos aus. Kein Auto kam mehr vor noch zurück. Ein wildes Gehupe begann, Autofahrer sprangen aus ihren Autos und brüllten und zeigten auf ihre Uhr.

Wir haben doch keine Zeit!“ - „Um neun Uhr beginnt eine wichtige Konferenz.“ - „Was soll der Unsinn?“ - „Was sagen denn eure Eltern dazu?“ Solche und ähnliche Sprüche gingen in dem Lärm unter. Herr Kaminowski von Radio Zimmerlingshausen stand ebenfalls in diesem Stau und beobachtete die Szene. Um acht Uhr sollte er in Wettelung sein. Eine Reportage über eine Kuh mit Drillingen stand auf dem Programm. Aber dieses Schauspiel, unmittelbar vor seiner Nase, schien wesentlich interessanter zu werden. Er schaltete die Warnblinkanlage seines Autos an, stieg aus mit Mikrofon und Rekorder unterm Arm. Er lief zwischen den stehenden Autos und den teils tobenden, teils amüsierten Autofahrern her. Auch Fußgänger, die auf den Bus oder die U-Bahn warteten, kamen immer näher, um sich dieses einmalige Ereignis anzusehen. Ein älterer Herr klatschte in die Hände und freute sich über diesen Anblick der wandernden Tiere.

Schaut diese herrlichen Tiere! Gibt es die nicht nur im Zoo?“ Herr Kaminowski erreichte gerade Jenny auf Elly reitend im Kreisverkehr und interviewte sie. Jenny gab bereitwillig Auskunft.

Wir möchten den Zoo retten. Diese Tiere ...“, und sie zeigte auf die Tierkette hinter sich, „sind einsam. Wir laden die ganze Stadt zu einem Besuch in den Zoo ein.“

Herr Kaminowski nahm das komplette Gespräch auf, um es in den Lokalnach-richten zu senden. Er schoss noch ein paar Fotos, denn man wusste ja nie, wofür man die noch brauchen konnte. Er informierte sofort seinen Chef. Seinen Wagen lenkte er an den Straßenrand und ließ ihn dort stehen. Er konnte ihn später noch abholen. Dann wetzte er so schnell er konnte durch einige Seitenstraßen und fuhr den Rest der Strecke mit dem Taxi zum Sender. Dort erwartete ihn sein Team schon ungeduldig. Die Kurzreportage wurde um Punkt neun Uhr gesendet. Inzwischen waren sämtliche Auf- und Zufahrten Richtung Stadtmitte hoffnungslos verstopft. Eine riesige Blechlawine belagerte das Städtchen. Und mittendrin wanderten tapfer Elefanten, Affen, Löwen und Kamele auf der Straße im nicht endenden Kreisverkehr. Nach dem sich der erste Zorn und Stress der Autofahrer gelegt hatte, unterhielten sich die Erwachsenen untereinander. Termine waren verstrichen und geplatzt. Niemand konnte etwas daran ändern. Die Stimmung wandelte sich langsam, aber sicher. Latino und Tiwoli erregten Aufmerksamkeit wegen ihrer lustigen Spielchen, die sie miteinander trieben. Eine Frau, die von ihrer Wohnung aus, das Ganze beobachten konnte, schleppte große Eimer mit Wasser heran, damit die Tiere, wenn sie vorbeiliefen, einen Schluck trinken konnten. Mensch und Tier mischten sich mehr und mehr untereinander. Latino hüpfte einem Passanten auf die Schulter und wuselte seine Haare durcheinander. Damit hatte er einige Lacher auf seiner Seite.

Herr Parotti unterhielt sich mit einem Mädchen, das auf dem Weg zur Schule war.

Guten Tag, meine Dame. Darf ich Sie einladen?“

Aber natürlich!“, antwortete sie.

Mit Milch und Zucker?“

Ich habe Zucker für dich, wenn du willst.“ Sie zog zwei Stück Würfelzucker aus ihrer Jackentasche. Die waren zwar für ihr Pony Merrie bestimmt, aber in diesem Fall hatte Herr Parotti Vorrang. Herr Parotti freute sich sehr über diese Zuwendung, zumal das Mädchen ein buntes Halstuch trug. Er fühlte sich sehr geschmeichelt. Auch Jenny und Sofia bekamen jeder einen Becher Wasser und sogar eine Brezel geschenkt. Ein Clown, der eigentlich auf dem Weg zu einer Kinderveranstaltung war, nahm die Sache irgendwann mit Humor, denn auch er würde viel zu spät kommen. Das Mobilfunknetz war indessen ebenfalls zusammengebrochen. Die Uhren schienen stehenzubleiben. Der Clown hüpfte aus seinem Auto, packte seinen bunten Koffer aus, führte ein paar Tricks vor und brachte sein Publikum zum Lachen. Eine Stunde später traf auch das Fernsehen ein, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Menschen aus den benachbarten Stadtteilen strömten zu Fuß in die Innenstadt, denn die Meldung im Radio war so unglaublich, dass dies so manch einer für einen verspäteten Aprilscherz hielt. Wenn die Polizei nicht nach einer weiteren Stunde eingegriffen und die Räumung dieses Verkehrsknotenpunktes veranlasst hätte, wäre es zum Volksfest ausgeartet. Sofias und Jennys Eltern trafen auch ein, nachdem sie die Meldung im Radio hörten und ihre Kinder noch schlafend in den Betten vermuteten, aber nicht vorfanden. Jenny und Sofia zweifelten nicht eine Sekunde daran, genau das Richtige getan zu haben. Sie winkten den Passanten am Straßenrand zu und riefen immerzu: “Kommt und besucht uns im Zoo!“

So ließ ein Großteil der Autofahrer den fahrbaren Untersatz einfach auf der Straße stehen. Alle strömten Richtung Zoo, um dort ausgelassen ohne Stress und Hektik den Tag zu genießen. Gerti hörte ebenfalls an diesem Morgen im Radio die Meldung. Sie lächelte zu Hilli, die auf ihrem Schoß saß und schlief. Nachmittags begleitete alles, was Beine hatte, die Tierparade zurück in den heimischen Zoo. Die Autos blieben einfach auf der Straße stehen. Kinder spielten vor dem Affenhaus und beobachteten Latino, der allerdings sehr müde von seinem Ausflug bei seiner Mutter am Bauch hing. Tiwoli badete und wälzte sich im Schlamm. Der eine oder andere Besucher wurde nass gespritzt. Niemand nahm es Tiwoli übel. Im Gegenteil, Kinder quietschten vor Vergnügen und die Erwachsenen alberten herum, wie sie es schon lange nicht mehr taten. Mütter kamen mit ihren Kindern und großen Picknickkörben, um bis zum Abend auf den Bänken und Wiesen zu sitzen und die Tiere zu beobachten. In den nächsten Tagen gaben Sofia und Jenny ein Interview nach dem anderen. Die Delfindame Luna durfte in einer Sendung ihre Kunststücke präsentieren. Der bunte Herr Parotti wurde mehrfach mit Gerti an seiner Seite in ebenso bunten Zeitungen abgebildet.

Später führten Jenny und Sofia Kinder durch den Zoo, um ihnen auch die anderen Tierkinder vorzustellen. Es war der aufregendste Tag in Sofias und Jennys Leben. Als der Zoodirektor Sofia und Jenny im Getümmel entdeckte, lief er freudestrahlend auf sie zu und schüttelte ihnen dankbar die Hände: „Ohne euch … einfach wunderbar! Seht nur, wie viele Menschen seit jenem Tag hierherkommen.“ Er war sehr gerührt und glücklich über dieses Wunder, wie er es nannte.

Ich ernenne euch hiermit zu meinen beiden Assistentinnen. Habt ihr Lust?“ Da sagten Sofia und Jenny selbstverständlich nicht 'Nein'.
„Wir haben schon einige Ideen, nicht wahr Jenny?“

Jenny nickte. „Oh ja! Wir holen alle Kinder der ganzen Welt in unseren Zoo!“

Beipflichtend wuselte Latino direkt mal die Frisur des Zoodirektors durcheinander.

 

© Claudia Satory-Jansen

Diese Geschichte wurde anlässlich eines Schreibwettbewerbes für die Veröffentlichung des Kinderbuches "Zabernack im Tierpark" (ISBN 978-3-940212-44-3, Herausgeberin: Liane Neumann) ausgewählt. Das Buch mit kunterbunten Zoogeschichten gibt es überall im Buchhandel
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Expedition ins Ungewisse

Ramon saß auf dem höchsten Berg weit und breit und ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Der Aufstieg war recht beschwerlich, da nur Steine, Sand und Felsbrocken auf dem Weg lagen, so wie überall in dieser Gegend. Kein Baum und kein Strauch, an dem Ramon sich hätte festhalten können, wenn er abzustürzen drohte. Keinen einzigen Tag hätte ein Baum hier überleben können. Diesen Weg ging Ramon jeden Morgen, um durch ein selbstgebautes Fernrohr die Sterne zu beobachten. Das Rohr war ziemlich schwer, da es aus Metall und Glas bestand. Alles Dinge, die Ramon auf seinen Streifzügen durch Fels und Geröll aufstöberte, um etwas daraus zu machen. Sein größter Traum war, andere Sterne zu erkunden. Seine Freundin Mona dachte ähnlich. Stundenlang saßen sie gemeinsam auf der Bergspitze und spähten durch das Fernrohr, um ihren Lieblingsstern zu beobachten.
„Wie groß er ist!“
„Das sieht nur so aus. Wir sind einfach nur näher dran. Die anderen Sterne sind Lichtjahre von uns entfernt“, meinte Ramon daraufhin.
„Und so schön ist er!“
Ramon nickte beipflichtend.
Mona war immer wieder aufs Neue von diesem Anblick begeistert. Weiß und Blau wechselten sich ab mit unterschiedlichsten Schattierungen.
„Ja, das ist er. Aber irgendetwas passiert dort. Schau mal da hinüber!“
Ramon schwenkte das Fernrohr auf eine dunkle braune Stelle, die plötzlich von einem Tag auf den anderen aufgetaucht war.
„Vor ein paar Tagen war von dem Fleck noch nichts zu sehen, aber jetzt. Er wird täglich größer scheint mir.“ Ramon legte seine Stirn in Falten.
„Und schau dort!“ Ramon zeigt mit dem Finger in die Dunkelheit. „Ein großes Gewusel. Da, es hat sich langsam bewegt!“
Mona verstand: „Wie ein wirbelndes Knäuel. Außen wie zerrupfte Watte. Und innen ein schwarzes Loch. Es sieht wie ein Auge aus. Findest du nicht?“
„Ja, du hast recht, unheimlich. Was mag das nur sein?“, fragte sich Ramon. Was mochte nur los sein auf seinem Lieblingsstern? Er spürte, dass es nichts Gutes bedeutete.
„Die weißen leuchtenden Flecken am oberen und unteren Rand werden immer kleiner, Ramon!“
Ramon nickte, auch dies war ihm nicht entgangen.
„Moni, wir müssen etwas unternehmen!“, sagte er mit fester Stimme.
Mona wusste, wenn Ramon so sprach, hatte er einen Plan.
„Aber wir sind hier. Was können wir schon tun?“
„Wie weit sind Juppy und die anderen mit Ete-car?“
„Die Kapsel ist fertig, aber mit der Technik hapert es noch. Juppy hat kaum noch Material.“
„Dann müssen wir eben welches suchen. Das kommt schließlich nicht von selbst!“ Ramon war aufgebracht. „Komm mit, Mona!“
Hand in Hand rannten sie den Berg hinab, so schnell, dass Steine und Sand hinter ihnen herrutschten. Ramon trommelte die ganze Einheit zusammen und läutete eine große Sitzung ein.
„Meine Freunde!“, begann er, „ wir leben schon einige Zeit hier, aber unser Ziel war immer, einen neuen Planeten zu finden, nachdem wir unseren Heimatplaneten verloren haben. Auf Dauer können wir hier nicht bleiben. Dies wisst ihr! Wir benötigen mehr Baumaterial, insbesondere Metall und Glas, um Ete-car fertigzustellen.“
Marso der Techniker unterbrach Ramon: „Ganz wichtig wäre auch Draht und Kabel!“ „Danke Marso für den Hinweis! Die Zeit drängt, Ete-car soll in Kürze starten. Wir werden zu dem großen Stern dort drüben reisen.“ Mit diesen Worten zeigte er auf seinen Sorgenstern.
„Mein Herz sagt mir, dass dieser Stern unsere neue Heimat werden kann. Auf dem großen Stern gibt es allerdings Veränderungen, die mir Sorgen bereiten. Mein Gefühl sagt mir, dass man dort unsere Hilfe benötigt.“ Alle Bewohner erkannten an Ramons Gesicht, dass er es sehr ernst meinte.
„Jeder von euch kann etwas Persönliches mitnehmen, alles andere lassen wir zurück, sonst sind wir zu schwer zum Fliegen.“
Die Aufbruchstimmung war zu spüren. Nach diesen Worten schnatterten alle wild durcheinander. Worte wie „Oh, wenn das mal gut geht!“ - „Endlich ist mal was los!“ - „Endlich raus aus der Einöde!“, waren zu hören.
Dann fuhr Ramon fort: „Um das Transportgewicht zu verringern, bitte ich euch, lasst eure Schuhe hier!“ Ein Aufschrei ging durch die Menge. Ihre Füße waren ihre empfindlichsten Körperteile. Ohne Schuhe waren sie sehr verletzlich und dann noch in der Fremde. Ramon fuhr unbeirrt fort:„ Bei zwanzig Planetariern, macht dies immerhin einhundert Schuhe und damit mindestens einhundertfünfzig Kilo mehr Gewicht aus.“
„Ramon hat recht!“, schaltete sich Mona ein. Alle Anwesenden nickten mehr oder weniger verständnisvoll, sahen zuerst zu Ramon und dann zu ihren Schuhen hinunter. Die meisten waren aus Stein gemeißelt, Metall gebogen oder einige wenige aus glänzendem Kunststoff gefertigt.
Aus dem leichten Kunststoff waren jedoch die Wenigsten, da Mona nur einmal diesen spektakulären Fund entdeckte. Sie hatten viel Spaß gehabt beim Werkeln und Basteln. Einen Teil des Fundes beanspruchte Marso, der für den Bau von Ete-car hauptverantwortlich war. Sie bastelten Schuhe für die Kinder. Diese Schuhe waren so wunderbar leicht an den Füßen.
Als Dankeschön bekam Mona ebenfalls welche. Im Galopp flog Mona mit ihren Beinen durch die Sphäre, indem sie einige Meter vom Boden abhob. Mit Steinschuhen war an Galopp gar nicht zu denken.

„Ja, endlich fliegen wir auf den großen Stern!“, rief Juppy.
„Große Aufgaben warten auf uns. Es wird nicht einfach sein! Aber gemeinsam schaffen wir es!“, rief Ramon und riss die Arme nach oben, während er seinen Lieblingsstern anstrahlte.
Die anderen folgten seinem Blick und jubelten: „Ran an die Arbeit!“
Mona gab das Zeichen. Juppy und seine Leute schwirrten sofort aus, um die nötigen Utensilien zu besorgen. Mona und Ramon diskutierten mit den Technikern über das Schaltpult in Ete-car, das Herz von Ete-car.
„Ich brauche einen isolierten Energieträger“, fachsimpelte Marso. Er bastelte tagein und tagaus an Schrauben, Steinen und Metallblöcken, alles in Fels eingebrannte Fossilien. Er vermutete, dass sie in flüssiges Gestein geraten sind. Der Planet, auf dem sie lebten, war entweder vor langer Zeit glühend heiß oder ist mit glühenden Meteoriten beschossen worden.
„Hier gibt es eine Fülle von Schätzen. Man muss nur genau hinsehen, dann findet man sie auch!“ Solche und ähnliche Ausrufe schallten durch die Einöde, wenn Marso etwas fand. Ramon schätzte sein fachliches Wissen sehr. Ete-car war Marsos ganzer Stolz! Neben Ramon würde er die Raumfähre steuern. Ramon und Mona verbrachten viel Zeit bei Marso und Ete-car, um den Bau zu koordinieren. Es blieb kaum noch Zeit, auf den Berg zu klettern und die Sterne zu beobachten. Als sie doch für kurze Zeit auf dem Berg verweilten, entdeckte Mona erneut Veränderungen auf ihrem Lieblingsstern.
„Ramon sieh mal! Das Knäuel mit dem Loch bewegt sich wahnsinnig schnell! So schnell war es noch nie! Der braune Fleck wird auch immer größer!“ Ramon legte beschwichtigend seine Hand auf ihre Schulter.
„Wir werden schon bald unterwegs sein. Marso meint, in zwei Tagen sind wir startbereit. Juppy hat einen tollen Fund gemacht. Kabel in Hülle und Fülle. Das räumt jetzt!“

Dann kam der große Tag! Ramon, Mona, Juppy, Marso und ihre Familien warteten barfuß vor Ete-car, um an Bord zu gehen. Ein großer Schuhberg lag neben Ete-car, fast so hoch wie Ete-car selbst! Jeder, auch die Kinder ließen alle Schuhe zurück.

„Meine lieben Freunde, es ist soweit! Wir werden, wenn der Letzte seinen Platz eingenommen hat und Marsos Ete-car-check durchgeführt ist, starten. Schnallt euch an, Ete-car hat ziemlich viel Speed drauf! Seid ihr bereit?“
„Ja, sind wir!“, brüllten alle wie aus einem Mund. Der Reihe nach kletterten die Großen voran und hoben die Kleinen über die Schwelle in das Innere von Ete-car. Sie machten es sich gemütlich, nachdem alle sorgfältig angeschnallt auf ihren Plätzen saßen. Ramon und Mona standen auf der Kommandobrücke. Ramon nickte Marso zu, der unverzüglich den Ete-car-check einleitete. Mona blickte sehnsüchtig aus dem Fenster auf den wunderschönen Stern, der ihr Ziel war.
„Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig.“
Marso wusste nicht wie lange die Reise dauern würde. Ob Ete-car es schaffte, sie alle dorthin zu bringen?
Mit großem Getöse startete Marso die Motoren durch. Er hatte einen Blitz entwickelt, der durch die feinen Drähte fuhr und wie durch ein Wunder den Motor antrieb. Marso nickte Ramon zu. Der Motor wurde noch lauter und Ete-car ächzte. Würde es alle tragen können?
Es musste klappen. Los heb' schon ab!, dachte er, ließ sich aber den anderen gegenüber nichts anmerken. Mit einem lauten Krachen hob Ete-car ab und gewann langsam an Höhe. Alle atmeten auf und einige klatschten sogar.

Nach dem Abflug wurde der Stern, der für einige Zeit ihr Zuhause war, schnell kleiner. Aus der Ferne sah Ramon, wie trostlos er gegenüber seinem Lieblingsstern wirkte. Grau und kalt. Ihr Zielstern wurde immer klarer. Der braune Fleck ebenfalls. Das große Wuselknäuel jagte gerade über ihn hinweg, so dass er für einige Minuten verschwand. Ein tiefes Blau umgab den braunen Fleck. Es schien sich zu bewegen. Ramon und seine Freunde kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ramons Fernrohr hatte diese Schönheit nicht offenbaren können. Siedendheiß fiel Ramon etwas ein; sein geliebtes Fernrohr, sein ständiger Begleiter, wenn er den Berg bestieg. Es lag noch auf dem Berg an seinem Platz. Es hatte ihm die Welt der Sterne eröffnet. Er hatte es tatsächlich vergessen. Wenn ich zurückkehren sollte, ist es bestimmt noch da, tröstete er sich. Seine Gedanken drehten sich in den vergangenen Tagen nur um Ete-car und alle Reisevorbereitungen. Er biss sich auf die Unterlippe. Aber jetzt brauchte er es nicht mehr, denn sein Lieblingsstern war ihm jetzt so nah, so nah hätte sein Fernrohr ihn nicht zu ihm bringen können.

Der Planet wurde immer größer und die Details immer feiner und sichtbarer. Neben den blauen, wogenden Elementen, sah er Berge mit braunen Stielen und grünen Floddern, die hin und her flatterten. Es liefen Vierbeiner unterschiedlichster Größe und Farben durch grünes, gelbes und braunes Land. Seltsame Wesen hüpften von Stiel zu Stiel oder baumelten in den Floddern. Je näher Ete-car seinem Ziel kam, umso deutlicher konnten Ramon und seine Freunde die herrliche Pracht bewundern. Sprachlos bestaunten sie, was sie sahen, auch wenn sie nicht wussten, was es sein konnte. Der Himmel erstrahlte in einem herrlichen Blau und der goldgelbe Ball, den sie bisher nur aus der Ferne beobachten konnten, strahlte so hell, dass sie die Augen zukneifen mussten. Ete-car setzte zur Landung an.
Es krachte einmal heftig und mit Aufsetzen der Beine ging der Motor aus.
„Ich glaube jetzt hat er den Geist aufgegeben, Ramon. Gute Pferde springen eben knapp.“ Ramon klopfte Marso auf die Schulter. Still und fasziniert öffnete Ramon die Tür und sprang ins Gras. Wie wunderbar weich und feucht es sich an den Füßen anfühlte. Ramon lachte fröhlich.
„Kommt! Kommt alle heraus! Es ist einfach wunderbar!“ Eilig hüpfte einer nach dem anderen aufgeregt schwatzend aus der Raumfähre heraus. Viele nackte Füße traten auf tausenderlei grüne Gräser und Kräuter. Wohlig spürten sie die wohltuende Kühle der Grashalme zwischen den Zehen. Mona lachte, so sehr kitzelte sie es.

Im Dschungel verbreitete sich die Nachricht bei sämtlichen Bewohnern blitzschnell, als die Ersten ein noch nie dagewesenes Flugobjekt sichteten. Giraffen, Elefanten kamen unter den Bäumen hervor, die gerade in der Mittagszeit Schatten spendeten. Menschen verließen ihre Hütten, um zu sehen was geschah. Dieses fliegende Ding sah anders aus als sonst und es flog nicht so schnell über den Dschungel hinweg, sondern schien einen Landeplatz auszuspähen. Viele viele Augenpaare verfolgten argwöhnisch und neugierig die Landung der seltsamen Kiste mit Flügeln und den Ausstieg der unbekannten Besucher.

Ramon entdeckte etwas großes blau Glitzerndes zwischen den Bäumen. Er ging hin und berührte mit seiner Hand dieses sich ständig bewegende wogende Ding. Seine Hand verschwand darin. Erschrocken zog er sie zurück. Es blieb etwas an ihm hängen und tropfte herunter. Ein wunderbares Gefühl. Ohne Angst tauchte er seine Hand wiederum hinein und ließ sie hin und her treiben. Wesen mit breiten großen Flügeln schwangen sich in die Lüfte.

Mona und die anderen waren Ramon hintergeeilt und standen sprachlos neben ihm und bewunderten die Schönheit dieser farbenfrohen und abwechslungsreichen Umgebung. Nun traten unzählige Zwei- und Vierbeiner aus dem Unterholz und hinter Büschen und Bäumen hervor, um die Besucher zu sehen. Sie hielten noch Abstand zu den Neuankömmlingen, denn man wusste ja nie …

Die ewige Stille des grauen und kalten Planetens lag nun hinter ihnen. Tief sog Ramon die Luft in sich auf, die um seinen Kopf wehte. Er tat es automatisch. Auch dies kannte er nicht. Es schien Platz dafür in seinem Brustkorb zu sein, denn er hob und senkte sich nun mit jedem Atemzug. Mona schnappte jetzt auch nach Luft, als wäre es der letzte mögliche Moment. Beeindruckt bewunderten Ramon und seine Freunde die neue Umgebung, in der es so grenzenlos viel zu entdecken, hören, sehen oder zu riechen gab. Farbenfrohe Gewächse schaukelten im Wind hin und her und verströmten einen herrlichen Duft. Der große gelbgoldene Ball am Himmel sank allmählich und warf ein goldenes Licht auf die Szene. Ramon erinnerte sich an den eigentlichen Grund ihrer Reise und fragte sich wo der braune Fleck sich auf diesem Planeten breitmachte und wo das wirbelnde Knäuel mit dem schwarzen Loch unterwegs war.
Dies alles hier war einer großen Gefahr ausgesetzt, dies spürte er. Seine Aufgabe würde es sein, mit den Bewohnern dieses einzigartigen Planeten die Gefahr abzuwenden und diese Welt zu retten. Seine Welt in der er leben wollte. Mit diesen Gedanken ging er lächelnd auf die Wesen, die ihm jetzt gegenüber standen zu und reichte ihnen die Hand ...

© Claudia Satory-Jansen


 

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